Meinung

Ukraine, Polen, ein Urteil und die Rakete: Wie der Zufall so spielt

Erst ging es um die Frage, welche Reaktionen die ukrainische Rakete in Polen nach sich zieht und was dafür sprechen könnte, dass es sich womöglich doch nicht um ein Versehen handelte. Inzwischen kamen weitere Puzzleteile hinzu, die auf eine gescheiterte Inszenierung hindeuten.
Ukraine, Polen, ein Urteil und die Rakete: Wie der Zufall so spielt

Von Dagmar Henn

Die Geschichte der ukrainischen Rakete und des polnischen Traktors scheint noch nicht zu Ende geschrieben zu sein. Nachdem der Raketentyp einwandfrei identifiziert wurde und klar war, dass dieser Typ jederzeit hätte ferngezündet werden können, was ein Hinweis auf einen absichtlichen Abschuss sein kann, erachtete es die NATO als nötig, auf dieses Detail einzugehen.

Der Focus berichtete unter Berufung auf das NATO-Hauptquartier in Brüssel, es habe sich um einen Unfall gehandelt. "Doch statt die Flugabwehrrakete – was technisch offenbar möglich ist – noch in der Luft per Fernsteuerung zu zerstören, sei die Rakete weitergeflogen und auf polnischem Gebiet eingeschlagen. Im Dauerbeschuss der russischen Armee sei der ukrainischen Luftwaffe das Verfehlen des russischen Geschosses offenbar schlicht untergegangen, heißt es – 'ein tragischer Unfall'."

Wie fürsorglich. Und wie bemüht darum, den Verdacht zu zerstreuen, dass es dabei nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen sei. Allerdings gibt es inzwischen weitere Auffälligkeiten, wenn auch nicht in Bezug auf die Technik der 5V55K.

Etwas eigenartig wirkte, dass Kiew so beharrlich an der Version einer russischen Rakete festhielt. Nicht nur Selenskij, auch der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats – unisono erklärten sie, Hinweise für die Schuld Russlands zu haben, und forderten, an der Untersuchung beteiligt zu werden. Das mit der Beteiligung eines möglichen, wenn nicht gar wahrscheinlichen Schuldigen an einer Untersuchung hatten wir schon einmal im Zusammenhang mit der Ukraine, damals ging es um den Flug MH-17. Aber dazu kommen wir später.

Während aus der Ukraine nach wie vor die Behauptung kam, nichts mit dieser Rakete zu tun gehabt zu haben, murmelte selbst US-Präsident Joe Biden, als ihm dies vorgetragen wurde, ins Mikrofon, "das widerspricht den Belegen". Es ist auch ausgesprochen schwierig, nachdem die Reste der Rakete schon kurz nach dem Einschlag fotografiert worden waren, etwas anderes zu behaupten.

Nun, in Kiew wird eben etwas langsamer gedacht, könnte man jetzt meinen; sie haben eine Provokation versucht, sie versemmelt und weigern sich nun stur, ihr Versagen zur Kenntnis zu nehmen, während all ihre westlichen Partner sich große Mühe geben, trotzdem zu erklären, dass sie sie ganz, ganz lieb haben. Es könnte ja ein Kiewer Alleingang sein; dafür spräche die schnelle Distanzierung.

Aber vielleicht war die Geschichte doch ganz anders. Man erinnere sich an Kramatorsk, die Totschka-U, die am Bahnhof ein Blutbad anrichtete, das dann Russland in die Schuhe geschoben werden sollte, als Crescendo nach Butscha. Nur dass irgendjemand ein Foto des Raketenrests machte, einschließlich einer Seriennummer; damit nicht nur der Raketentyp, sondern auch der Eigentümer der Rakete belegbar war, und die ganze Geschichte daraufhin am nächsten Tag bereits in der Versenkung verschwand, in der zuversichtlichen Hoffnung auf das kurze Gedächtnis des westlichen Publikums.

Der ständige Vertreter Russlands im UN-Sicherheitsrat, wo eine erneute Sitzung zum Thema Ukraine stattfand, sagte etwas ausgesprochen Interessantes. "Wir müssen unseren albanischen und amerikanischen Kollegen unsere Wertschätzung dafür ausdrücken, dieses Treffen einberufen zu haben, auch wenn sie es bereits letzte Woche taten, ohne das Thema zu formulieren, und damit, wie wir jetzt sehen können, außerordentliche Weitsicht zeigten."

Eine Sicherheitsratssitzung, die im Voraus anberaumt wurde, ohne ein Thema zu nennen, einen Tag, nachdem die Rakete in Polen einschlug? Und nicht nur Selenskij, eine "ungenannte Quelle" in Polen und ein weiterer "hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter" in den USA die Geschichte von einer "russischen Rakete" verbreiteten und sämtliche westlichen Medien schon den Marsch zum dritten Weltkrieg bliesen? Welch ein Zufall. Nur damit man den Überblick nicht verliert, zur Erinnerung noch die beiden anderen Zufälle – die Rakete zündet nicht, ehe sie in Bodennähe kommt, und sie wird auch nicht per Fernzündung ausgelöst. Wir sind also bei Zufall Nummer drei.

Aber es gibt noch einen vierten Zufall. Das ist die gestrige Verkündung des Urteils zum Fall MH-17 in den Niederlanden. Richtig, die Nummer, bei der die Ukraine irgendwie immer mitbestimmen durfte. Da erging heute das Urteil, das, und das ist selbstverständlich kein Zufall, die abwesenden Angeklagten schuldig sprach. Auch sonst ist dieses Urteil skurril. Einer der Angeklagten wurde nur deshalb für schuldig befunden, weil er vom Abschuss ukrainischer Flugzeuge gewusst habe, aber nicht dagegen vorgegangen sei. Das klingt völlig bizarr, wenn man die nötigen Ergänzungen vornimmt, die darin bestehen, dass es sich um ukrainische Kampfflugzeuge handelte, die die Städte des Donbass bombardierten; das niederländische Gericht hat also im Grunde eine Verteidigung gegen das Bombardiertwerden für unzulässig erklärt.

Doch MH-17 ist nicht das Thema, hier geht es um eine ukrainische Rakete (gut, darum ging es bei MH-17 eigentlich auch, aber das ist eine längere Geschichte). Es mag reiner Zufall sein, aber erst eine angeblich russische Rakete auf polnischem Boden, dann eine Sitzung des UN-Sicherheitsrats ohne Thema und am Tag danach die Verkündung des Urteils zu MH-17, das damals die Grundlage für die ganze Propaganda über die unmenschlichen Russen lieferte?

Man stelle sich einmal vor, der polnische Fotograf, der zufällig diese Raketenreste ins Bild bannte, hätte dies nicht getan. Das Gelände wäre abgesperrt worden, der Zugang durch die polnische Regierung kontrolliert, die Ukraine hätte "mituntersucht", wie sie lautstark forderte; das Ergebnis wäre die Beteuerung gewesen, es habe sich mit Sicherheit um eine russische Rakete gehandelt; dann hätte es am nächsten Tag, unter ohrenbetäubendem Kriegsgeschrei aus den westlichen Medien, anstelle einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats ein inszeniertes Tribunal gegen Nebensja gegeben, und am Tag danach als Fortissimo noch das Urteil zu MH-17. Das hätte genügt, um die fragmentarischen Reste von Vernunft hinwegzuspülen, und bald darauf hätten sich NATO-Truppen auf den Weg in die Ukraine gemacht.

Ist ein solches Szenario auszuschließen? Ein fertiges Drama, dessen Aufführung dann wegen dieses einen dummen Fotos abrupt abgeblasen werden musste? Was, aus welchem Grund auch immer, den ukrainischen Darstellern nicht mehr eindringlich genug vermittelt werden konnte?

Das Zusammenspiel der Zufälle ist jedenfalls beeindruckend. Als ginge man die Straße entlang unter einer Leiter durch, spränge dann über eine schwarze Katze, nur um auf einer Bananenschale zu landen und sich beim Sturz dann den Regenschirm eines Passanten in den Bauch zu rammen. Es gibt Anhäufungen von Zufällen, bei denen es Ockhams Rasiermesser, das stets die einfachste Erklärung verlangt, nahelegt, Absicht anzunehmen.

Sollte dem aber so sein, steht fest, wer den nächsten Friedensnobelpreis bekommen sollte: der polnische Fotograf der Raketenüberreste.

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